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Aktuelles Semester: SoSe 2026

Vorlesung: Raubkunst, Beutekunst und Kunstvernichtung

Funktionen
Informationen

Grunddaten

Veranstaltungsnummer: 4008066
Semester: SoSe 2026
SWS: 2
Sprache: Deutsch
Belegungszeitraum: CDFI    04.03.2026 08:00:00 - 30.09.2026    aktuell

Termine

Gruppe: - iCalendar Export für Outlook
  Tag Zeit Rhythmus Dauer Raum Raum-
plan
Lehrperson Bemerkung fällt aus am Max. Teilnehmer/-innen
iCalendar Export für Outlook Di. 10:00 bis 12:00 woech 14.04.2026 bis
21.07.2026
Rubenowstraße 1 - HS 2 Rubenowstr. 1 Heck    
Einzeltermine
14.04.2026 | 21.04.2026 | 28.04.2026 | 05.05.2026 | 12.05.2026 | 19.05.2026 | 26.05.2026 | 02.06.2026 | 09.06.2026 | 16.06.2026 | 23.06.2026 | 30.06.2026 | 07.07.2026 | 14.07.2026 | 21.07.2026 |

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Inhalt

Kommentar

Vorlesung: Raubkunst, Beutekunst und Kunstvernichtung

Einleitung

Die Frage nach dem rechtmäßigen Besitz von Kulturgütern gehört zu den drängendsten Herausforderungen der gegenwärtigen Museumspraxis. Raubkunst, Beutekunst und Kunstvernichtung sind juristische, politische und ethische Problemfelder, die historische Gewalt und institutionelle Verantwortung berühren. Der Ukraine-Krieg seit 2022 zeigt, dass diese Fragen unmittelbare Gegenwart sind.

1. Begriffliche Klärungen

Raubkunst bezeichnet Kulturgüter, die durch Raub, Zwangsverkauf oder Enteignung unrechtmäßig entzogen wurden, prominent im Kontext der NS-Raubkunst.

Beutekunst meint Kulturgüter, die als Kriegsbeute erbeutet wurden. Historisch akzeptiert, wurde diese Praxis erst im 20. Jahrhundert völkerrechtlich geächtet.

Kunstvernichtung ist die gezielte Zerstörung von Kulturgütern aus ideologischen Motiven, die auf die Auslöschung kultureller Identität zielt.

2. NS-Raubkunst

Der nationalsozialistische Kunstraub war von beispielloser Systematik geprägt. Es handelte sich um ein bürokratisch organisiertes System, das eng mit der Vernichtungspolitik verknüpft war.

Die Washingtoner Prinzipien von 1998 verpflichten Museen zur systematischen Provenienzforschung und zu "gerechten und fairen Lösungen" bei identifizierten Raubkunstfällen.

3. Koloniale Raubkunst

Die koloniale Dimension des Kunstraubs ist in den letzten Jahren verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Aneignung erfolgte in asymmetrischen Machtverhältnissen, die die Grenze zwischen "legalen" Erwerbungen und Raub verschwimmen lassen.

Die Benin-Bronzen von 1897 sind zum Symbol kolonialer Raubkunst geworden. Die vermeintliche Legalität vieler Erwerbungen war Fassade für militärische Gewalt und ökonomische Erpressung. Auch bei verjährten Rechtsansprüchen bestehen moralische Verpflichtungen zur Restitution.

4. Beutekunst nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachte die Rote Armee systematisch Kunstwerke aus Deutschland in die Sowjetunion. Diese "Trophäenkunst" wurde als Kompensation für deutsche Zerstörungen gerechtfertigt, wobei viele dieser Werke ursprünglich selbst NS-Raubkunst waren.

5. Kunstvernichtung

Die NS-Aktion "Entartete Kunst" vernichtete Tausende Werke der Moderne aus ideologischen Gründen. Von der Bibliothek von Alexandria bis zur Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan (2001) und der Zerstörung von Palmyra durch den IS zieht sich ein roter Faden gezielter Kulturvernichtung durch die Geschichte.

6. Der Ukraine-Krieg (seit 2022)

Seit Februar 2022 dokumentiert die UNESCO über 340 beschädigte oder zerstörte kulturelle Stätten in der Ukraine. Die Zerstörung folgt einem systematischen Muster: Gezielt werden Orte angegriffen, die für die ukrainische Identität bedeutsam sind.

Beispiele sind das Literaturdenkmal Skoworoda in Charkiw, das Drama-Theater in Mariupol (trotz sichtbarer Aufschrift "KINDER") und die Verklärungskathedrale in Odessa (UNESCO-Weltkulturerbe). In Mariupol wurde das Kuindschi-Museum geplündert, das Heimatmuseum verlor 50.000 Exponate.

Parallel erfolgt systematischer Kunstraub unter dem Euphemismus der "Evakuierung". Aus dem Museum von Melitopol wurden Tausende Objekte nach Russland verschleppt, darunter skythisches Gold. Diese Praxis erinnert an historische Beutekunst-Muster.

Ukrainische Museumsmitarbeiter evakuieren unter Lebensgefahr Sammlungen. Das "Backup Ukraine"-Projekt dokumentiert Kulturgüter digital. Die UNESCO hat Schutzstatus verhängt, der Internationale Strafgerichtshof ermittelt wegen Kriegsverbrechen. Die russische Strategie weist Parallelen zu sowjetischen Russifizierungspolitiken und kolonialer Geschichtspolitik auf.

7. Provenienzforschung und Restitution

Provenienzforschung ist Detektivarbeit in Archiven und Dokumentationen. Sie ist besonders komplex, wenn Unterlagen fehlen oder verschleiert wurden.

Es gibt erfolgreiche Restitutionsbeispiele von NS-Raubkunst bis zu Benin-Bronzen. Gleichzeitig existieren Widerstände von juristischen Argumenten bis zu kulturimperialistischen Vorstellungen. Museen tragen die Verantwortung, ihre Bestände systematisch zu untersuchen und sich der eigenen Geschichte zu stellen.

8. Zukunftsperspektiven

Die Museumsgemeinschaft entwickelt neue Kooperationsformen: gemeinsame Projekte, digitale Zugänglichmachung, temporäre Rückführungen. Die Restitutionsdebatte ist Teil einer umfassenderen Dekolonisierung der Museen, die auch Erzählweisen und Machtstrukturen betrifft.

Der Ukraine-Krieg zeigt, dass Kulturgutschutz präventiv gedacht werden muss: Notfallpläne, digitale Sicherungssysteme und internationale Netzwerke sind notwendig.

Fazit

Der Ukraine-Krieg führt vor Augen, dass Kulturvernichtung im 21. Jahrhundert brutale Realität ist. Die systematische Zerstörung seit 2022 reiht sich in eine lange Geschichte kultureller Gewalt ein, von NS-Raubkunst über koloniale Plünderungen bis zu jihadistischen Ikonoklasmen.

Kulturgutschutz hat existenzielle Bedeutung für die Identität von Gesellschaften. Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, aktiv zu schützen und zu restituieren.

Literatur

Dolezalek, Isabelle / Savoy, Bénédicte / Skwirblies, Robert (Hrsg.): Beute. Eine Anthologie zu Kunstraub und Kulturerbe, 2021.

Fisk, Lydia / Hladysh, Bohdan: Cultural Heritage Under Siege: The Russian War on Ukrainian Identity, Atlantic Council, 2023.

Heck, Kilian / Lipinska, Aleksandra (Hrsg.): Als der Krieg kam … / When the war came …: Neue Beiträge zur Kunst in der Ukraine / New studies into art in Ukraine, 2023.

Hickley, Catherine: The Munich Art Hoard – Hitler’s Dealer and His Secret Legacy, 2015.

ICOM: Emergency Red List: Ukraine, 2022.

Loseva, Kateryna: War Against Culture: The Destruction and Looting of Ukrainian Cultural Heritage, in: Museum International, 74 (2022), S. 88–101.

Nicholas, Lynn H.: Der Raub der Europa. Das Schicksal europäischer Kunstwerke im Dritten Reich, 1995.

Petropoulos, Jonathan: Kunstraub und Sammelwahn. Kunst und Politik im Dritten Reich, 1999.

Sarr, Felwine / Savoy, Bénédicte: Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter, 2019.

Savoy, Bénédicte: Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage, 2021.

Savoy, Bénédicte: Die Provenienz der Kultur. Von der Trauer des Verlustes zum universalen Menschheitserbe, 2018.

Stoecker, Holger / Schnalzger, Thomas / Winkelmann, Andreas (Hrsg.): Sammeln, Erforschen, Zurückgeben? Menschliche Gebeine aus der Kolonialzeit, 2013.

UNESCO: Damaged cultural sites in Ukraine verified by UNESCO, online: https://www.unesco.org/en/articles/damaged-cultural-sites-ukraine

Zimmerer, Jürgen (Hrsg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, 2013.

Moodle https://moodle.uni-greifswald.de/course/view.php?id=28169

Zugeordnete Person

Zugeordnete Person Zuständigkeit
Heck, Kilian, Prof. Dr. verantwortlich

Studiengänge

Abschluss Studiengang Studienphase PO-Version
Bachelor of Arts (2 F.) Kunstgeschichte 2019
Master of Arts Kunstgeschichte M.A. Master 2020

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