| Kommentar |
In den Jahrzehnten um 1900 entwickelt sich Wien zum Schauplatz eines vielfältigen und produktiven kulturellen Lebens. Das gilt für die Musik, die Bildende Kunst und Architektur, die Philosophie und Wissenschaften und nicht zuletzt für die Literatur, in der die AutorInnen des „Jungen Wien” neue Impulse setzen. Anders jedoch, als diese summarische Bezeichnung nahelegt, ist die Literatur der Wiener Moderne ein ausgesprochen heterogenes Phänomen, bei dem ganz unterschiedliche Stimmen, Stimmungen und Stile aufeinandertreffen. Ein gemeinsamer Ausgangspunkt besteht gleichwohl darin, dass die AutorInnen sich (mehr oder minder rigoros) von der zuvor dominanten naturalistischen Ästhetik verabschieden. Das Vertrauen in eine ‚objektive‘ Darstellbarkeit der Realität, wie sie der Naturalismus vertritt, ist geschwunden – und eine tiefgreifende Skepsis an seine Stelle getreten. Diese betrifft sowohl die naturwissenschaftlichen Gewissheiten als auch die gesellschaftliche Ordnung in der Spätzeit der österreichisch-ungarischen Monarchie; der Glaube an Wahrheit und Wirklichkeit insgesamt wird untergraben. Unter dem Einfluss von Ernst Mach („Das Ich ist unrettbar”) und Sigmund Freuds Psychoanalyse wächst die Aufmerksamkeit für die fragilen Zustände der Seele und das krisenhafte Verhältnis zwischen Selbst und Welt. Unter diesen Vorzeichen suchen die einen ihre Zuflucht im Ästhetizismus, während andere sich der polemischen Gesellschaftssatire widmen und wieder andere die Kunst der flüchtigen Momentaufnahmen kultivieren. Das breite Spektrum dieses literarischen und publizistischen Schaffens werden wir anhand von exemplarischen Texten diskutieren, u.a. von Arthur Schnitzler, Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Marie Herzfeld und Peter Altenberg. |