| Kommentar |
Bis in die Frühe Neuzeit geben Poetiken normative Anleitungen guten Schreibens. Sie orientieren sich stark an der Antike und an den klassischen Gattungen. Im 18. Jahrhundert entsteht ein Stildiskurs, der stärker von der Individualität künstlerischer Kreativität ausgeht (Genie-Zeitalter). Daneben bleiben aber auch Abhandlungen und Überlegungen über Gattungen Teil der diskursiven Auseinandersetzungen. Sie sind teils programmatisch, teils analytisch zu verstehen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Form der Poetik-Dozentur etabliert. Zunächst nur an wenigen Universitäten angeboten, gibt es jährlich eine Vielzahl an Poetik-Vorlesungen. War die poststrukturalistische Literaturwissenschaft vom ‚Tod des Autors‘ ausgegangen, so lässt sich heute zumindest ein großes mediales und öffentliches Interesse an Aussagen von Autor:innen über ihre Werke beobachten. In soziologischer Hinsicht steht dies in engem Zusammenhang mit Praktiken der Auszeichnung (Literaturpreise, Stipendien, writers-in-residecne etc.).
Im Seminar lesen wir wichtige Poetiken der Frühen Neuzeit (Scaliger, Martin Opitz, Nicolas Boileau, Johann Christoph Gottsched) sowie der Klassik und Romantik in Auswahl und fragen nach der aktuellen Bedeutung von Poetiken vor allem anhand des Formats der Poetikvorlesung. |
| Literatur |
Gundela Hachmann, Julia Schöll, Johanna Bohley (Hg.): Handbuch Poetikvorlesungen. Geschichte – Praktiken – Poetiken, Berlin/Boston 2022.
Monika Schmitz-Emans, Uwe Lindemann, Manfred Schmeling (Hg.): Poetiken. Autoren – Texte – Begriffe, Berlin/New York 2009.
Werner Jung: Kleine Geschichte der Poetik, Hamburg 1997. |