| Kommentar |
Unzählige Daten werden tagtäglich generiert, ob beim Einkauf, bei der Onlinerecherche, beim Reisen, durch die Nutzung von Spracherkennungssoftware, in Bewerbungsverfahren, in sozialen Netzwerken, im Krankenhaus oder bei Versicherungs- und Bankangelegenheiten. Der Großteil der davon betroffenen Personen hat jedoch wenig Kenntnis davon, wie und mit welchen Absichten diese Daten generiert und verwertet werden. Der Einsatz von algorithmischen Computerprogrammen, die auf Grundlage dieser Daten eine Auswahl treffen und Entscheidungen vorwegnehmen, wird im Alltag kaum hinterfragt, geht er doch mit dem Versprechen auf absolute Objektivität und hohe Effizienz einher. Krankheiten sollen besser behandelt werden können, wenn große Mengen an Personendaten automatisiert ausgewertet werden, Personalverfahren gerechter gestaltet, wenn keine menschliche Emotion und Voreingenommenheit einfließen. Wie realistisch sind aber diese Versprechen? Welcher Raum bleibt für die kritische Prüfung von mathematischen Modellen, wenn diese per se als neutrale Instanzen gelten? Bücher wie Weapons of Math Destruction (2016) von Cathy O'Neil, Unsichtbare Frauen (2020) von Caroline Criado-Perez und Data Feminism (2020) von Catherine D'Ignazio und Lauren F. Klein haben in den vergangenen Jahren eindrücklich dargestellt, wie wichtig es für die Geschlechterforschung ist, sich mit der Systematik von Daten zu beschäftigen. Wie die Autorinnen zeigen, drohen sich bestehende soziale Ungleichheiten in „eine[r] Welt, die immer stärker auf Daten basiert und immer stärker von Daten beherrscht wird” (Criado-Perez), massiv zu verschärfen, wenn wir uns nicht darum kümmern, feministische und intersektionale Ansätze in die Forschung und Entwicklung von Algorithmen und Apps einzubeziehen. Die Zahlen von Softwaresystemen sprechen keine klare und vor allem keine neutrale Sprache, solange in deren Datengrundlage Ausblendungen, Vorurteile und Verzerrungen mit einfließen, die von Algorithmen reproduziert werden. Die diesjährige IZfG-Ringvorlesung setzt an diesem Punkt an und versammelt im Sommersemester 2025 interne und externe Expert*innen aus Data Science, Soziologie, Kulturwissenschaft, Medizininformatik, Philosophie und Medizinethik. Das IZfG lädt mit dieser Veranstaltungsreihe Expert*innen aus einer Bandbreite relevanter Fachbereiche ein und bietet somit auch gezielt wichtige Impulse für Studierende und Forschende über Fächergrenzen hinweg. Zu den zentralen Anliegen der Ringvorlesung wird es entsprechend gehören, Fragen wie die folgenden zu adressieren: Welche Impulse kann die Geschlechterforschung für die Digitalisierung und Fachbereiche mit datengestützter Forschung geben? Inwiefern werden Verzerrungen und Stereotypisierungen bei der Entwicklung von KI konkret sichtbar? Wie werden diese Phänomene aus den Kulturwissenschaften wahrgenommen und reflektiert? Welche Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit sind sinnvoll und lassen die Potentiale von Big Data und KI für alle gleichermaßen nutzbar machen?
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