In der Frühen Neuzeit, also vor 1800, gibt es nicht nur ein sehr von der Moderne verschiedenes Verständnis von Krankheit, auch das Verständnis von Liebe und Freundschaft unterscheidet sich. Die historische Distanz erlaubt Fragen nach gesellschaftlichen und kulturellen Normen: Was ist normal? Was pathologisch? Wie werden diese Einordnungen historisch konstruiert? Was ist noch Passion, was bereits Obsession? Wie werden im 17. und 18. Jahrhundert Leidenschaften und Affekte verhandelt und bewertet? Tatsächlich gibt es in der Frühen Neuzeit eine echte Liebeskrankheit: die Liebes-Melancholie. Zugleich ist große Zärtlichkeit und Affektbekundung und das Fließen von Tränen in der freundschaftlichen Kommunikation der Empfindsamkeit normal. Johann August Unzer hat dem Seufzen eine medizinische Abhandlung gewidmet, in der er versucht, den körperlichen Mechanismen dieses Affekt-Ausdrucks auf die Schliche zu kommen. Aus heutiger gendertheoretischer Sicht stellt sich auch die Frage nach dem Umgang mit Queerness und Homosexualität.
Vom Barock bis zu Klassik und Romantik lesen wir im Seminar kanonische Werke der deutschen Literatur der Gattungen Drama, Lyrik und Roman (die genaue Auswahl wird final gemeinsam mit den Studierenden getroffen):
- Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde
- Friedrich Gottlieb Klopstock: Gedichte (Auswahl wird noch bekannt gegeben)
- Freundschaftsbriefe aus dem Gleim-Kreis (Freundschaftskult)
- Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther
- Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Engländer
- Friedrich Schiller: Übersetzung von Racines Phädra
- Johanna Schopenhauer: Gabriele
Zudem beschäftigen wir uns mit der Medizingeschichte der Liebesmelancholie und der Vorgeschichte modernen Wahnsinns.
Das Seminar ist für Studierende der Gender Studies geöffnet. |