| Kommentar |
Themen der Gegenwart zu vertexten, authentische Informationen zu verbreiten, politische Haltungen zu äußern und zur Reflektion aktueller Verhältnisse anzuregen, sind Handlungen, die in der spätmittelalterlichen städtischen Gesellschaft auf ein breites Interesse stießen. Eine sich neu entwickelnde Gattung, mit der dies möglich war, ist die der ‚historisch-politischen Ereignisdichtung‘. Diese Textgruppe politischer Lieder und Reimreden ist durch Brisanz und Aktualität, Parteilichkeit und unverhüllte Tendenz sowie eine forcierte Nähe zu einem historischen Ereignis gekennzeichnet. Ereignisdichtungen korrigieren oder ergänzen chronikalische Berichte, stehen zugleich für einen publizistischen Wahrheitsbegriff, der Wahrheit als gedeutete Wahrheit bis hin zur Unwahrheit versteht, und waren für die Verfasser daher mit einem hohen Risiko verbunden. Offenbar zunächst für eine mündliche Rezeption und Weitergabe gedacht, sind Ereignisdichtungen auf geschriebenen Einzelblättern, Einblattdrucken und in Chroniken schriftlich überliefert. Im Seminar wollen wir uns dieser Gattung über die Analyse und Interpretation verschiedener Vertreter nähern, indem wir literarische Mittel und Motive sowie ihre Herkunft aus Heldenepos, Spruchdichtung, Chronik oder Lehrdichtung bestimmen, die Dichtungen in ihren Kontexten verorten, (politische) Funktionen herausarbeiten und schließlich Reflexionen und Konstruktionen der spätmittelalterlichen Gegenwart dekonstruieren.
Für Lehramtsstudierende: Di 14-18 Uhr (4 LVS)
Für Masterstudierende: Di 14-16 (2 LVS) |