| Kommentar |
Das Modul besteht aus einem Seminar (2 SWS) und einem Lektürekurs (1 SWS).
Kaum ein Tier besitzt in der europäischen Erzähltradition ein so ausgeprägtes literarisches Profil wie der Fuchs. Er erscheint als listiger Trickster, schlagfertiger Redner und skrupelloser Betrüger, der körperliche Unterlegenheit durch sprachliche und intellektuelle Überlegenheit ausgleicht. Das Seminar verfolgt diese Figur von antiken und transkulturell überlieferten Fabelstoffen über den mittelhochdeutschen Reinhart Fuchs bis zum mittelniederdeutschen Lübecker Druck des Reynke de vos von 1498. Gelesen werden ausgewählte Fabeln in der Tradition Äsops und ihre deutschsprachigen Bearbeitungen sowie Auszüge aus der arabischen Sammlung Kalila wa-Dimna. Der begleitende Lektürekurs dient der gemeinsamen sprachlichen und inhaltlichen Erschließung der Texte.
Wir untersuchen die narrative Gestaltung von List und die Macht der Rede, Konstruktionen von Männlichkeit, Darstellungen von Konkurrenz und Herrschaft sowie die ambivalente Faszination, die von der ebenso intelligenten wie gewalttätigen Fuchsfigur ausgeht. Zugleich fragen wir aus kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive danach, wie in diesen Texten Mensch-Tier-Verhältnisse entworfen und Grenzen zwischen Natur und Kultur, tierlichem und menschlichem Verhalten verhandelt werden. Literarische Tiere erscheinen dabei nicht lediglich als Abbilder menschlicher Eigenschaften, sondern auch als Träger kulturellen Wissens und als Figuren, an denen Voraussetzungen menschlicher Wahrnehmung und Deutung sichtbar werden. Das Seminar steht in engem Zusammenhang mit der Vortragsreihe des Mittelalterzentrums im WiSe 26/27 zum Thema „Das liebe Vieh? Mensch-Tier-Beziehungen im Mittelalter“; ausgewählte Vorträge der Reihe werden wir gemeinsam besuchen. Auf regelmäßige Anwesenheit wird Wert gelegt. |
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Zur Einführung:
Harald Haferland: „Der Fuchs in Tierdichtung und Erzählfolklore“. In: Judith Klinger und Andreas Kraß (Hg.): Tiere. Begleiter des Menschen in der Literatur des Mittelalters. Köln/Weimar/Wien 2017, S. 119–138, Anmerkungen S. 264–269. DOI: 10.7788/9783412506582-008.
Julia Weitbrecht: „Theriotopik: Vormoderne Mensch-Tier-Relationen und die Epistemologie der Tiererzählung“. In: Poetica 50 (2020), H. 3–4, S. 219–237. DOI: 10.30965/25890530-05003003. |