| Kommentar |
Das Seminar widmet sich der sogenannten Kleinepik des Mittelalters, also kürzeren erzählenden Textformen wie Exempel, Legende, Fabel, Märe und frühen Formen der Novelle. Im Unterschied zu großepischen Formaten zeichnen sich diese Texte durch formale Verdichtung, narrative Experimentierfreude und ein besonderes Interesse für die Zuspitzung von sozialen, ethischen oder religiösen Konflikten aus, wobei häufig Geschlechterverhältnisse virulent werden. Wir lesen neben mittelhochdeutschen Texten, etwa von Konrad von Würzburg, auch ausgewählte altfranzösische lais (Marie de France), italienische novelle (Giovanni Boccaccio) und jiddische maises in Übersetzung, um gattungsspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede im europäischen und transkulturellen Vergleich sichtbar zu machen. Ein zentraler analytischer Zugriff orientiert sich an Überlegungen von Simon Gaunt, der die enge Verschränkung von gender und genre herausgearbeitet hat. Ausgehend von der Annahme, dass literarische Gattungen nicht neutral sind, sondern geschlechtlich codierte Ordnungen hervorbringen, untersuchen wir im Seminar, wie kleinepische Formen spezifische Modelle von Geschlecht entwerfen, stabilisieren oder auch irritieren. Die Primärtexte werden über Moodle zur Verfügung gestellt. Auf regelmäßige Anwesenheit wird Wert gelegt. |