| Kommentar |
Die mittelalterliche Poetik ist ausschließlich an einer Schrift des Horaz orientiert, die aus ihrer ursprünglichen Funktion gelöst wird und deren Angebot von ingenium (Begabung) und (gelehrtem) Neuerzählen auswählend und reduzierend aufgefasst wird. Werkästhetisch, produktions- und wirkungsästhetisch begegnen die Darlegungen aus der Pisonenepistel des Horaz und seine Aristoteles-Rezeption in zahlreichen mittelalterlichen lateinischen und volkssprachlichen Werken, ergänzt durch poetologische Kommentare Lukans oder durch christliche Schriften insbesondere des 4. und 5. Jahrhunderts. Die Vorlesung folgt den horazischen Vorgaben und den mittelalterlichen Anverwandlungen (Johannes von Garlandia) und zeichnet die explizite und implizite Auseinandersetzung und Anwendung in der volkssprachlichen deutschen Literatur von Otfrid von Weißenburg bis zum Frühhumanismus im europäischen Kontext nach. Gegenstand der Vorlesung sind Gattungstheorie und Stiltheorie, die sich bei Horaz im prodesse et delectare (nützen und erfreuen) verbinden, Dichtungs- und Autorenkritik, Selbstbewusstsein des Autors und Konstruktion des Erzählers, Elemente, die vielfältig in mittelalterlicher Literatur angesprochen werden und deren traditionelle und innovative Begrifflichkeit unter der Perspektive historischer Semantik betrachtet wird (mære, Novelle) . |