Romane entwerfen Welten aus Sprache und Sprechweisen, die wiederum Spuren der Welt tragen. Michael Bachtin hat aus diesem Zusammenhang die Beobachtung abgeleitet, dass Romane als polyphone, vielstimmige und hybridisierte Rede beschrieben werden können. Im Roman, so seine These, spricht weder nur ein*e Verfasser*in, noch lediglich die Erzählinstanz und in der Figurenrede auch nicht nur die Figuren. Romane seien vielmehr durchdrungen von einer Rede- und Sprachenvielfalt, die sie zu einem vielstimmigen Medium narrativer Weltkonstruktion macht. Im Seminar werden wir anknüpfend an die Überlegungen Bachtins drei Romane ausführlich diskutieren, in denen Verfahren der Polyphonie genutzt werden, um die demokratische Öffentlichkeit der Weimarer Republik und deren Gefährdung zu erzählen. Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929) entwirft ein Bild des Lebens in Berlin als Welt vieler Sprachen, deren Nebeneinander im Roman auch durch Verfahren der Montage hergestellt wird. Entlang der Lebensgeschichte des verurteilten Mörders Franz Biberkopf entwickelt sich die Großstadt hier als Raum einander überkreuzender und ergänzender Rede- und Schreibweisen, Diskurse und sprachlicher Praktiken. Marieluise Fleißers Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen (1931) deutet bereits im Titel an, welche Redeweisen hier eingesetzt werden, um die Liebesgeschichte eines Paares in der bayrischen Provinz zu erzählen: Die Sprache des Sports, der Ökonomie, der Liebe sowie ihre wechselseitigen Verschränkungen. Ihr verbindendes Element im Roman ist ihre dialektale Färbung durch bayrische Redeweisen, die sowohl zur Figurencharakterisierung als auch zur Konstruktion der kleinstädtischen Welt eingesetzt werden. Gabriele Tergits Käsebier erobert den Kurfürstendamm (1931) erzählt vielstimmig vom Journalismus der Weimarer Republik in ihren letzten Jahren. Der große Erfolg des proletarischen Sängers Käsebier, das Auftauchen akademisch ausgebildeter Frauen in neuen Berufen, die Sphäre des Weimarer Immobilienhandels, Journalismus als öffentlicher Diskurs – die Szenarien, die Tergit als Gerichtsreporterin kenntnisreich erzählt, modellieren erzählte Vielstimmigkeit als marktwirtschaftlich orientierte demokratische Öffentlichkeit. Grundlage der Seminardiskussion sind die drei genannten Romane. Es empfiehlt sich, mit der Lektüre schon vor Seminarbeginn zu starten. Das Seminar bietet eine vertiefte Kenntnis dieser Romane und Poetologien der literarischen Moderne, deren Kontextualisierung in der bedrohten Demokratie sowie einen Einblick in theoretische Diskussionen über narrative Vielstimmigkeit. |